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Ich möchte dir von einer Begegnung erzählen, die meinen Blick auf den Journalismus verändert hat. Dafür nehme ich dich mit auf unsere Deutschlandreise.

Es ist Samstagabend, meine Mitgründerin Ann-Kathrin und ich sitzen in einer Kneipe in einem kleinen Ort am Fuße der Schwäbischen Alb. Bequemes Sofa, Kerzenschein, lautes Lachen und Poltern vom Kicker im Nebenraum. Ralf hat in diesem Newsletter von der Zuhör-Tour gelesen, uns eingeladen und kräftig getrommelt. Ständig stellen sich neue Menschen vor, die mit uns über Medien und Demokratie reden wollen. Ralfs Freunde und Bekannte aus dem Ort, jemand ist 40 Kilometer mit dem Auto angereist. Ich komme mir vor wie beim Journalismus-Speeddating.

Wir führen an diesem Abend sicher ein Dutzend Gespräche, und sie laufen oft ähnlich ab. Welche Medien nutzt du? Fast keine mehr. Warum? Ich habe das Vertrauen verloren. Was ist passiert? Corona.

Bis auf wenige Ausnahmen sitzen keine Corona-Leugner vor uns. Wir sprechen mit freundlichen, reflektierten und interessierten Menschen, die während der Pandemie den Eindruck hatten, dass alle Medien das Gleiche schreiben. Dass es eine Einheitsmeinung gab und abweichende Stimmen lächerlich gemacht wurden.

Je länger der Abend dauert, desto nachdenklicher werde ich. Offenbar haben unsere Gesprächspartner die Corona-Berichterstattung ganz anders wahrgenommen als ich. Und dann kommt diese eine Frage. Wir unterhalten uns mit einem älteren Mann, der öffentlich-rechtliche Angebote schätzt, seit Jahrzehnten eine Lokalzeitung abonniert hat und wissen möchte, was auf der Welt geschieht. Nach etwa einer Viertelstunde beugt er sich vor und senkt seine Stimme: „Jetzt mal unter uns: Wer sagt euch, was ihr schreiben sollt? Wie oft flunkert ihr Journalisten?“

In diesem Gespräch fiel die Frage: “Wie oft flunkert ihr Journalisten?”

Ich arbeite seit 15 Jahren als Journalist und habe Dutzende Studien zum Medienvertrauen gelesen. Keine davon hat mich auf solche Begegnungen vorbereitet. Ob im Ruhrgebiet, in Niederbayern oder in Schwaben: Das Misstrauen ist groß. Viele Menschen bezweifeln, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen recherchieren – keine Querdenker, sondern vernünftige Skeptiker. Und wenn man unsere Gespräche zum Maßstab nimmt, sind sie gerade dabei, sich von Medien abzuwenden. Das hat mich getroffen.

Nach dem Kneipenabend komme ich um 1 Uhr nachts bei meinen Eltern in der Nähe von München an. Noch im Bett suche ich nach aktuellen Zahlen. Ich möchte wissen: Sind wir Einzelfällen begegnet, oder stehen sie stellvertretend für eine größere gesellschaftliche Entwicklung?

Eine eindeutige Antwort gibt es nicht. Je nachdem, welche Studien und Schwerpunkte ich wähle, widersprechen sich die Ergebnisse. Ich möchte das anhand zweier Grafiken verdeutlichen.

Hier siehst du Daten des Reuters-Instituts der Universität Oxford. Für die deutsche Teilstudie sind Forscherinnen und Forscher des Leibniz-Instituts für Medienforschung in Hamburg verantwortlich. Demnach ist das Vertrauen in Nachrichten seit 2015 um 14 Prozentpunkte gesunken.

Forschende der Universität Mainz fragen Menschen in Deutschland regelmäßig, ob sie Medien bei „wirklich wichtigen Dingen“ vertrauen. 2015 war die Stichprobe relativ klein, deshalb würde ich den Ausreißer ignorieren. Trotzdem verläuft die Entwicklung der Mainzer Langzeitstudie Medienvertrauen gegensätzlich zu den Daten aus Oxford. Demnach steigt das Vertrauen.

Soweit ich das beurteilen kann, haben die Forscherinnen und Forscher methodisch sauber gearbeitet. Doch allein die Formulierung der Frage macht einen großen Unterschied. Mal geht es um „die meisten Nachrichten“, mal um Medien und die „wirklich wichtigen Dinge“. Je nachdem, welchen Zeitraum man wählt, ob man Menschen online oder per Telefon befragt und welche Antwortmöglichkeiten man vorgibt, unterscheiden sich die Ergebnisse.

Je mehr Studien ich lese, desto unklarer wird das Bild. In einer Umfrage haben die Jüngeren das größte Vertrauen, in einer anderen das geringste. Mehrere Studien bescheinigen ARD und ZDF eine große Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig sagen fast zwei Drittel, dass sie den Öffentlich-Rechtlichen weniger vertrauen als früher. Gerade mal vier Prozent halten rechte Alternativmedien für glaubwürdig, aber jeder Vierte ist überzeugt, dass „Medien und die Politik Hand in Hand arbeiten, um die Meinung der Bevölkerung zu manipulieren“. Wenn du dir selbst ein Bild machen möchtest, findest du alle Quellen am Ende dieser Mail.

Die Zahlen allein können meine Frage also nicht beantworten. Trotzdem hat mir die Recherche geholfen, das Problem besser zu verstehen – und eine Idee zu entwickeln, wie wir bei tbd damit umgehen könnten. Denn ich glaube, dass die Begegnungen unserer Deutschlandreise und die scheinbar widersprüchlichen Studien eine Gemeinsamkeit haben.

Sozialwissenschaften und Journalismus ähneln sich. Es gibt selten Schwarz und Weiß, die Realität ist eher grau. Leider geht diese Komplexität in Schlagzeilen oft verloren. Aus Ambivalenz werden absolute Aussagen. Viele Medien zitieren Fakten selektiv und ignorieren Widersprüche, wenn sie nicht ins Bild passen.

Dahinter steckt keine böswillige Absicht. Journalistinnen und Journalisten arbeiten oft unter Zeitdruck und haben verinnerlicht, dass Zuspitzung besser klickt als Zweifel. Fast immer gilt: Je eindeutiger die Überschrift und je steiler die These, desto größer die Reichweite. Redaktionen verfolgen in Echtzeit, wie viele Klicks und neue Abos ein Artikel generiert. Täglich informiert eine interne Mail über die „erfolgreichsten“ Inhalte. So habe auch ich über die Jahre gelernt: Wenn ich möchte, dass meine Arbeit viele Menschen erreicht, hilft Entschiedenheit mehr als Unsicherheit.

Klicks und Abos kann man messen. Doch die Menschen, die Schwarz-Weiß-Denken abschreckt, tauchen in keiner redaktionsinternen Statistik auf. Wer sich Nuancen wünscht und vermeintliche Gewissheit bekommt, stellt die Arbeitsweise von Journalisten infrage. Wer das Gefühl hat, dass die eigene Perspektive überhaupt nicht vorkommt, verliert den Glauben, dass Medien die Welt richtig abbilden. Das sind die Menschen, denen wir auf unserer Deutschlandreise begegnet sind. Manche hatten jahrzehntelang den Spiegel, die Zeit oder die FAZ abonniert – jetzt lesen sie höchstens noch die Lokalzeitung und hören die Nachrichten im Radio.

Besonders in Süddeutschland haben uns viele Menschen erzählt, die Corona-Berichterstattung habe sie abgeschreckt. Dabei war das Medienvertrauen kurz nach Ausbruch der Pandemie so hoch wie nie, weil sich die meisten offenbar gut informiert fühlten. In den Folgejahren sank es aber stark, und im Rückblick ärgern sich viele über die angebliche Einheitsmeinung.

Ich verstehe, woher der Eindruck kommt. Wie viele Journalisten war ich überzeugt, dass eine globale Pandemie der falsche Zeitpunkt ist, um Zweifel an Ausgangsbeschränkungen aufkommen zu lassen. Diese Überzeugung spiegelte sich in Kommentaren und Analysen wider. Trotzdem glaube ich, dass Politik, Wissenschaft und Medien den Infektionsschutz zurecht priorisiert haben. Allein in Deutschland sind rund 190.000 Menschen an oder im Zusammenhang mit dem Virus gestorben. Das Problem waren nicht die Maßnahmen, sondern die Selbstgewissheit. Wer die Verhältnismäßigkeit infrage stellte, wurde schnell als Schwurbler bezeichnet. Wir haben zu selten erklärt und zu oft geurteilt.

In unseren Gesprächen in Bayern und Baden-Württemberg ging es oft um Corona, in Berlin eher um die Berichterstattung über Gaza, Migration, die Klimakrise und aktuell die Proteste der Gen Z. Doch das Muster ist ähnlich. Menschen haben den Eindruck, dass ihre Lebensrealität in Medien zu kurz kommen. In ihrem Alltag und in sozialen Medien nehmen sie einen anderen Ausschnitt der Welt wahr als in klassischen Medien. Diese Diskrepanz löst Misstrauen aus.

Auch im bayerischen Mühldorf drehten sich viele Gespräche um Corona.

Ich habe mich gefragt, was wir bei tbd anders machen können. Dabei bin ich auf eine Idee des US-amerikanischen Medienforschers Tom Rosenstiel gestoßen. In seinem neuen Buch „The Next Journalism“ beschreibt er drei Voraussetzungen für Vertrauen in Medien: Kompetenz (wissen Journalisten, wovon sie sprechen?), Wohlwollen (glauben Menschen, dass Journalisten gute Absichten haben?) und Rechenschaft (gestehen Journalisten Fehler ein und führen diese zu Konsequenzen?).

Die meisten Medien stellen ihre Kompetenz in den Vordergrund und vernachlässigen die beiden anderen Faktoren. Rosenstiel hält das für einen Fehler. Um sich Vertrauen zu verdienen, müssten Journalisten “alle drei Voraussetzungen unter Beweis stellen. Zwei reichen nicht aus”.

Dieses Modell stammt aus der Organisationsforschung. Die Investigativjournalistin Julia Angwin übertrug es als Erste auf den Journalismus. In einem Essay für die Harvard Kennedy School schrieb sie vor zwei Jahren: „Journalistinnen und Journalisten sind in der Regel kompetent, wollen ihrem Publikum einen Dienst erweisen und müssen sich in ihren Redaktionen an ethischen Standards messen lassen. Doch das Publikum sieht davon nichts. Deshalb begegnet es ihnen oft mit Skepsis.“

Angwin vergleicht das Selbstverständnis von Journalisten mit dem von Creators, also Menschen, die keine Redaktion im Rücken haben und ihr Publikum auf Plattformen wie YouTube oder Instagram erreichen. Wer einen traditionellen Medienhintergrund hat, hält Vertrauen oft für gegeben. Wer einen YouTube-Kanal startet, weiß genau, dass man sich Vertrauen erst verdienen muss – und setzt deshalb viel auf Wohlwollen und Rechenschaft, auf Transparenz und Überprüfbarkeit.

Eine alte Journalistenregel besagt, dass man in einem Text niemals Fragen aufwerfen sollte, die man nicht beantworten kann. Rosenstiel hält das für einen „furchtbaren Rat“. Aus meiner Perspektive als Leser und Zuhörer kann ich sagen, dass ich Menschen eher vertraue, die offen mit der eigenen Unwissenheit umgehen. So stelle ich mir auch unseren Journalismus vor: Wir müssen versuchen, alle wichtigen Fragen zu beantworten – und deutlich kennzeichnen, wenn unsere Recherche kein eindeutiges Ergebnis liefert.

Für mich ist das wie bei Matheaufgaben in der Schule. In der Grundschule reicht es, eine Zahl hinzuschreiben. Wenn die Fragen komplexer werden, will die Lehrkraft den Rechenweg sehen. Wir Journalisten liefern weiter Ergebnisse ohne Rechercheweg und wundern uns dann über die Note.

Einen Rechenweg hätte sich auch der Mann in der schwäbischen Kneipe gewünscht. Er wollte wissen, ob uns jemand reinredet, wie wir arbeiten und wie oft wir flunkern. Damit ist er nicht allein. Die Organisation More in Common fragte Menschen in Deutschland, ob sie diesem Satz zustimmen: „Ich habe das Gefühl, dass die meisten Medien mich bewusst in die Irre führen wollen.“ Die Hälfte sagte ja.

Ann-Kathrin und ich haben dem Mann erklärt, wie wir in unseren früheren Redaktionen gearbeitet haben. Dass es Nachrichtenagenturen gibt, die schnelle Meldungen liefern, die viele Medien übernehmen – was dazu führt, dass Nachrichtenseiten oft ähnlich aussehen. Dass uns in unserem gesamten Berufsleben noch nie jemand gesagt hat, was wir schreiben sollen. Dass in Redaktionskonferenzen oft kontrovers diskutiert wird und es keine Einheitsmeinung gibt. Dass wir als Journalisten keine Ahnung haben, welche Werbung neben unseren Texten erscheint, und dass wir nie auf Wunsch von Anzeigenkunden schreiben.

Ich weiß nicht, ob wir ihn überzeugt haben, aber er hat zumindest lange und interessiert zugehört. Am Ende bedankte er sich und sagte: „Das weiß ja niemand.“

Auf der Rückfahrt war viel Zeit, um über unsere Begegnungen nachzudenken.

Dieser Satz hat mich auf der Rückfahrt begleitet, denn genau das ist das Problem: Niemand weiß, wie wir arbeiten, weil wir es viel zu selten erklären. Noch im Auto schrieb uns Ralf, der uns eingeladen hatte: „Nochmal vielen Dank für euer Da-Sein, wir haben durch die Bank euer Vorhaben als sehr wertvoll erlebt und empfunden.“ Das beruht auf Gegenseitigkeit: Wir haben mindestens so viel gelernt wie unsere Gastgeber.

An diesem Abend haben wir 20 Menschen erreicht. Diesen Newsletter lesen 20.000. Deshalb möchten wir den Dialog sowohl persönlich als auch digital führen – ohne dass aus dem Gespräch eine Predigt wird.

Wie steht es um dein Vertrauen in Medien? Was wünschst du dir von tbd? Wie muss unser Journalismus aussehen, damit du uns Vertrauen schenkst? Schreib uns einfach an [email protected].

Ich kann nicht versprechen, dass ich alle Nachrichten beantworte, aber ich lese jede einzelne und freue mich über deine Meinung.

Quellen