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Vor einer Woche haben wir an dieser Stelle einen Essay über Neutralität angekündigt. Die Gliederung und erste Formulierungen hatte ich bereits im Kopf. Um eure Meinung einfließen zu lassen, stellten wir euch zwei Fragen: Sollten Medien versuchen, neutral zu berichten? Und: Was verstehst du unter Neutralität im Journalismus?

Wenige Stunden später hatten wir 900 Antworten und einen neuen Plan. Das hier wird kein Essay, der unsere Gedanken in den Vordergrund stellt. Stattdessen bilden wir eure Perspektiven ab und ergänzen sie behutsam.

Jeden Tag melden sich hunderte Menschen für diesen Newsletter an. Vielleicht bist du auch neu dazugekommen und weißt nichts über mich. Vor tbd habe ich zwölf Jahre für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet. Dort habe ich für die meisten meiner Texte gelesen, telefoniert und gegrübelt. Getippt habe ich allein vor meinem Laptop. Jetzt kommt es mir so vor, als könnte ich gemeinsam mit euch denken und schreiben. Was für ein Geschenk!

Wenn du diesen Text lieber hören möchtest, gibt es auch eine Audio-Version. Du findest sie bei Spotify, Apple oder auf der Podcast-Plattform deiner Wahl. Dafür haben mir Dutzende von euch Sprachnachrichten geschickt. Vielen Dank fürs Mitmachen!

Bereits der erste Blick in die Ergebnisse der Umfrage hat mich dazu gebracht, meine Überzeugungen zu hinterfragen. Ihr solltet euch auf einer Skala verorten. Wer die 10 wählt, möchte, dass Medien „unbedingt“ versuchen, neutral zu berichten. Die 0 steht für: „Auf keinen Fall“.

Ich hätte eine 5 gewählt. Damit bin ich weit weg von eurem Durchschnittswert 8,4. Das hat mich überrascht und auch ein wenig verunsichert. Dann habe ich eure Antworten auf die zweite Frage gelesen: Was verstehst du unter Neutralität im Journalismus? Dabei wurden mir zwei Dinge klar.

Erstens liegen wir längst nicht so weit auseinander, wie es die Zahlen vermuten lassen. Zweitens verbindet auch euch untereinander viel mehr, als euch trennt. Selbst wenn ihr euch an unterschiedlichen Enden der Skala verortet habt.

Ich zeige das an ein paar Beispielen. Sabine ist eine der wenigen, die mit 0 von 10 abgestimmt hat:

Neutralen Journalismus finde ich langweilig. Wo blieben denn da Kommentare, Satire oder das Eintreten für die Würde des Menschen? Ich finde, Ausgewogenheit in der Berichterstattung ist wichtig. Das ist das entscheidende Wort.

Dem steht Anette gegenüber, die größten Wert auf Neutralität legt. Sie sagt:

So neutral wie möglich zu berichten, bedeutet für mich, Gastgeberin der Nachricht zu sein, sie von allen Seiten zu betrachten, zu beleuchten, darzustellen.

Für mich klingt das nach genau der Ausgewogenheit, die Sabine sich wünscht. So haben viele Menschen geantwortet, die sich für die 10 entschieden haben. Auf die Forderung nach Neutralität folgt oft eine Einschränkung. Etwa bei Birgit, die so beginnt:

Ich erwarte von den Medien absolute Neutralität und Wertfreiheit.

Und direkt danach sagt:

Auf der anderen Seite erwarte ich von den Medien aber auch, klar Stellung zu unserer Demokratie zu beziehen. Hier auch mal klare Kante zu zeigen.

Diese Ambivalenz zieht sich durch die Kommentare. Entschiedene Meinungen wie die von Jo sind die Ausnahme:

Für mich ist Neutralität eine Forderung der Demokratiefeinde, weil sie selbst außerhalb des bisherigen Wertesystems stehen und von ihm bekämpft werden. Die geforderte Neutralität ist eine Forderung nach Zensur.

Ein Gedanke taucht immer wieder auf: Absolut neutrale Berichterstattung ist gar nicht möglich. Ich sehe das ähnlich. Schon die Auswahl einer Nachricht spiegelt persönliche Wertvorstellungen wider. Medien müssen aber zwangsläufig entscheiden, welchen Nachrichten sie Aufmerksamkeit verschaffen.

Trotzdem seid ihr mehrheitlich überzeugt, dass neutrale Berichterstattung wünschenswert ist. Caroline bringt es auf einen Satz, der in Abwandlungen mehrfach auftaucht:

Daher geht es meines Erachtens nicht um Neutralität als Zustand, sondern als Zielhaltung.

An dieser Stelle weicht meine Perspektive am stärksten von eurer ab. Für mich ist Neutralität kein Wert, von dem ich mich leiten lassen möchte. Ich halte es für falsch, einen Zustand zum Ziel zu erklären, den ich als Journalist gar nicht erreichen kann, weil meine Arbeit immer Selektion und redaktionelle Entscheidungen beinhaltet. Vielleicht ist es aber auch eine Frage der Wortwahl. Mir fallen viele Adjektive ein, die sich für mich stimmiger anfühlen: unvoreingenommen, neugierig, unaufgeregt, sachlich, abwägend, ausgewogen, faktenorientiert, ergebnisoffen.

„Sagen, was ist“: Der Leitspruch des Spiegel-Gründers Rudolf Augstein taucht in 13 eurer Antworten auf – meist verbunden mit dem Wunsch nach Neutralität. Ich glaube, dass Augstein häufig missverstanden wird. Ihm ging es nicht darum, dass Journalisten alles abbilden sollen, was Politikerinnen behaupten oder Unternehmen gern veröffentlicht sehen würden. Um wirklich sagen zu können, was ist, müssen wir erst herausfinden, was ist – dafür braucht es Recherche, und das ist für mich eine Grundvoraussetzung für Journalismus.

Isabel wünscht sich etwa kritische Einordnung:

Neutralität bedeutet für mich nicht, alles unkommentiert stehen zu lassen. Gute Berichterstattung hinterfragt Entscheidungen und Haltungen kritisch und ordnet sie in einen größeren Kontext ein.

Mehrere von euch beschreiben die Aufgabe von Journalismus mit einem Bild, das es für mich auf den Punkt bringt:

Wenn einer sagt, es regnet, und einer sagt, die Sonne scheint, ist es nicht Journalismus, beides zu schreiben, sondern aus dem Fenster zu sehen.

Hier verläuft für mich die Grenze zwischen Ausgewogenheit und Verantwortungslosigkeit. Natürlich sollten Medien beide Seiten anhören und versuchen, unterschiedliche Perspektiven zu verstehen und darzustellen. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, alle Meinungen gleich zu gewichten, wenn eine davon nachweislich falsch ist.

Ein Beispiel: “Donald Trump sagt, dass die US-Wahl 2020 manipuliert war” entspricht zwar den Tatsachen, sollte aber trotzdem keine Schlagzeile sein. Die Faktenchecker der Washington Post haben allein während Trumps erster Amtszeit mehr als 30.000 falsche und irreführende Behauptungen gezählt. Auch der US-Präsident hat keinen Anspruch darauf, dass jeder Unsinn verbreitet wird.  

Faktencheck ja, Bevormundung nein. So sieht es Wolfgang, der sich wie viele von euch an der Einordnung ein Links-Rechts-Schema stört:

Gern mehrere Seiten beleuchten, die Argumente oder Standpunkte benennen und im Zweifelsfall auch erklären. Politiker mit einem Faktencheck versehen, aber auch auf eine Zuweisung wie links oder rechts verzichten.

Auch Valentin will sich seine eigene Meinung bilden:

Journalisten sollten ihren Lesern weder direkt noch unterschwellig vorgeben, was sie zu denken haben, sondern sie sollen Tatsachen berichten, ohne relevante Informationen auszulassen, sodass sich jeder selbst eine Meinung zu einem Thema bilden kann.

Darauf können sich wohl alle von euch einigen. Niemand möchte gern vorgekaut bekommen, was er denken soll. Oft ist das aber gar nicht so einfach. Denn Menschen haben ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was Unvoreingenommenheit und Neutralität bedeuten.

Adrian sagt etwa:

Meines Erachtens ist das größte Problem mit der Neutralität im Journalismus, dass dessen Rezipienten die Ambivalenz nicht aushalten können oder wollen.

Und Sofia glaubt, dass viele Menschen ihr eigenes Weltbild bestätigt sehen wollen:

Ich habe leider das Gefühl, dass viele Personen das als neutral empfinden, was ihre eigene Meinung innerhalb der Bubble einfach am nächsten widerspiegelt und somit am wenigsten Reibung mit ihren eigenen Vorstellungen verursacht.

Ich glaube, das trifft nicht auf alle zu. Aber ein bisschen was ist schon dran. Manche Menschen empfinden die Tagesschau als neutral und halten den Springer-Verlag für rechte Propaganda. Andere informieren sich lieber in alternativen Medien, die sie als unabhängig wahrnehmen, und misstrauen dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Journalistinnen und Journalisten neigen dazu, in Zahlen nach Geschichten zu suchen. Ich nehme mich da überhaupt nicht aus. Mehr als 13.000 Menschen haben an unserer ersten Umfrage teilgenommen, 900 haben die Fragen zur Neutralität beantwortet. Natürlich habe ich sofort nach Mustern gesucht. Dabei habe ich eine Tendenz gefunden, die ich mit euch teilen möchte.

Zumindest in unserer Stichprobe befürworten ältere Menschen häufiger Neutralität ohne Einschränkungen. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden, die vor 1980 geboren wurden, wählen auf der Skala die 10. Bei den 18- bis 46‑Jährigen sind es nur 18 Prozent. Die Jüngeren fordern in ihren Antworten mehr als doppelt so häufig Einordnung und kritisieren dreimal so oft sogenannte False Balance. Dabei wird die Meinung einer Minderheit so dargestellt, als sei sie genauso nachvollziehbar wie der wissenschaftliche oder gesellschaftliche Konsens.

Ich habe lange überlegt, wie ich diesen Text so beende, dass ich euch allen gerecht werde. Dann habe ich gesehen, dass Antje einen Satz geschrieben hat, der meine Perspektive zusammenfasst:

Journalistische Haltung bedeutet nicht, ohne Überzeugungen zu sein. Sondern die eigenen Überzeugungen nicht zum Maßstab für die Wahrheit zu machen.

Für mich ist das eine gute Antwort auf eine Frage, die meine Mitgründerin Ann-Kathrin und mich umtreibt. Wie alle Menschen haben wir als Journalisten eine Meinung und eine Haltung. Wir können versuchen, unsere Berichterstattung nicht davon beeinflussen zu lassen – aber wir können diese Grundüberzeugungen trotzdem nicht ablegen.

Darauf kommt es aber auch gar nicht an. Ich glaube, dass wir unseren Job dann gut machen, wenn wir offen auf Menschen zugehen und uns bemühen, ihre Perspektive zu verstehen. Wenn wir unvoreingenommen recherchieren, ohne am Anfang zu wissen, zu welchem Ergebnis wir kommen möchten. Wenn wir unsere Meinung ständig hinterfragen und bereit sind, sie öffentlich zu ändern – weil das kein Zeichen der Schwäche ist, sondern transparent und glaubwürdig.

Danke, dass ihr uns dabei geholfen habt, unsere Meinungen zu überdenken.