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Was lernt man über Medien, wenn man mehr als tausend Interviews gegeben hat? Darüber habe ich mit Kevin Kühnert in unserem tbd-Podcast „Mission 401“ gesprochen. Als Juso-Vorsitzender und Generalsekretär der SPD war er omnipräsent: Titelgesicht, Talkshow-Dauergast, selbst der Inhalt seines WG-Kühlschranks war eine Frage wert.

Vor einigen Wochen nahm Kühnert an einer unserer Gesprächsrunden über Demokratie und Journalismus teil. Bei seinem Besuch in unserem Büro wollte ich von ihm wissen, wie er heute auf das Zusammenspiel von Medien und Politik blickt. Drei Gedanken aus dem Gespräch möchte ich mit euch teilen.

1. Ein Interview ist mehr als das Zitat in der Überschrift

„Viele Leute erleben ein Interview nur über die verschlagwortete Überschrift oder Ankündigung. Das ist ein Ohnmachtsmoment für die Person, die interviewt wird.“

Jede Geschichte braucht einen Titel, jeder Artikel eine Schlagzeile. Ich finde es aber wichtig, sich bewusst zu machen: Die Überschrift wählen Journalisten aus, und sie enthält nicht unbedingt die Aussage, die die interviewte Person selbst für die wichtigste hält. Meist steht im Vordergrund, was sich gut verkauft oder klickt. Die Zitate vermitteln selten einen Eindruck des gesamten Gesprächs.

2. Die Freigabe kann Gespräche komplett entstellen 

„Insbesondere die Freigabeprozesse von Interviews sind eine Art Schattenboxen. […] Wir können aus den Fragen und der Aufbereitung des Interviews herauslesen: Was ist das Interesse des Magazins? Was will es nach vorn stellen? Und wenn wir merken, das ist nicht unser Interesse, dann schwächen wir die entsprechende Antwort ab oder lassen sie in einer großen Wortwolke verschwinden.“

Bei schriftlichen Interviews ist die Freigabe in Deutschland gängige Praxis: Journalisten führen das Gespräch, transkribieren, kürzen und verdichten es. Anschließend können Politiker ihre Antworten noch anpassen. Von diesem Recht wird gern Gebrauch gemacht: In meinen zehn Jahren als Journalistin habe ich erlebt, wie Interviews teilweise bis zur Unkenntlichkeit verwässert wurden. Ich halte diesen Prozess für nicht mehr zeitgemäß und glaube, dass die Abschaffung der Autorisierung Vertrauen schaffen könnte. Für Medien und für die Politik.

3. Politische Kommunikation verlangt zunehmend Inszenierung

„Was jetzt nötig wäre, erfordert ein Maß an persönlichem Einsatz, Inszenierung und Rollengestaltung. Das war auch einer der Gründe für das Rausgehen [aus der Politik]. Dass ich gemerkt habe, dass wir mit der herkömmlichen Art, wie ich sie mal gelernt habe und beherrsche und wie es bestimmt auch vor 15 Jahren alles super geklappt hätte, nicht mehr weiterkommen.“

Unsere Zeit ist geprägt von Emotionalisierung und Personalisierung. Das führt dazu, dass Politiker ihre öffentlichen Auftritte zunehmend inszenieren müssen, wenn sie wahrgenommen werden wollen. Gleichzeitig erwarten wir von Politikern, dass sie sich nicht verstellen und authentisch bleiben. Ein Widerspruch, den wir auch hier bei tbd viel diskutieren und über den wir, glaube ich, gemeinsam nachdenken sollten.

Das ganze Gespräch hört ihr jetzt auf Spotify, Apple Podcasts. Ich freue mich, wenn ihr reinhört.