This website uses cookies

Read our Privacy policy and Terms of use for more information.

Ich bin Ann-Kathrin, Journalistin, Mama, habe fast zehn Jahre beim Tagesspiegel gearbeitet und dann meinen Job gekündigt, um gemeinsam mit Simon, Bojan und Moritz tbd zu gründen. Ich freue mich wahnsinnig, dass es jetzt los geht (endlich!) und ich hier ein paar erste Gedanken mit euch teilen darf.

Vor ein paar Tagen habe ich mit einem Freund darüber gesprochen, wie ich unsere tbd-Geschichte hier am besten starte. Wie ich euch erzähle, was wir vorhaben und warum wir ein neues Medium gründen.

Ich habe ihm gesagt, dass ich gerne was zur Wahl in Sachsen-Anhalt schreiben würde. Seine Reaktion: Das ist dann doch schon viel zu lang her. Das interessiert niemanden mehr.

Er arbeitet auch als Journalist. Aus der klassischen Medienlogik heraus hat er recht.

Seit dem Wahlsieg der AfD am 6. September haben Medien Dutzende Eilmeldungen und Mitteilungen verschickt. Apple hat jetzt ein faltbares iPhone und Oasis neue Tourdaten. Zum Warntag heulten die Sirenen. Zum Heulen war auch der Pisa-Alarm. Messerattacke im Supermarkt – mindestens ein Toter in Schleswig-Holstein. Alexander Zverev gewinnt die US Open.

Unbreaking News: Nicht alles, was eilt, ist wichtig.

Wir alle waren live dabei.

Wenn wir wollen, können wir Nachrichten aus der ganzen Welt nahezu in Echtzeit verfolgen. Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, weil ständig etwas Neues passiert, das mindestens genauso wichtig erscheint und angeblich unsere Aufmerksamkeit erfordert.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das den Journalismus in seinem Kern verändert.

Früher wurde in Redaktionskonferenzen ausführlich über Inhalte und Relevanz diskutiert. Heute ist es mindestens genauso wichtig, wie schnell man ein Thema aufschreibt und wie man es verkauft. Dashboards zeigen, was gut klickt. Und das User-Reporting wird zum heiligen Gral. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Debatten dann auch so klingen:

Was hat funktioniert? Und warum? Lag’s am Inhalt? Oder an der Zeile? Hätte die Zeile mehr knallen müssen? Die Rentenreform jedenfalls klickt gut. Dazu sollten wir nochmal was machen. Aber ist nicht schon alles gesagt? Irgendwas lässt sich doch immer sagen! Vielleicht finden wir ja jemanden, der das kritisiert? Hast du nicht die Nummer von diesem einen SPDler? Der übt doch gern Kritik?

Kritisiert der eigentlich nur so gern, weil er weiß, dass er dann in den Medien landet? 

Sichert man sich Aufmerksamkeit nur noch, indem man sich möglichst drastisch, negativ oder provokant äußert?

So wie … die AfD?

Die Frage, wie wir mit einer Partei umgehen, die der Verfassungsschutz in vielen Bundesländern als gesichert rechtsextrem einstuft, beschäftigt uns Journalisten schon lange. Auch mich.

2021 habe ich die Spitzenkandidaten der Berlin-Wahl in den Ringbahn-Podcast des Tagesspiegels eingeladen. Nur eine nicht: Kristin Brinker, die Kandidatin der AfD. Mir erschien das eher persönlich und unterhaltsam angelegte Format nicht geeignet. Ich wollte die Partei nicht normalisieren.

War es die richtige Entscheidung? Ich glaube ja. Ich weiß es nicht.

Als Journalisten stecken wir in einem Dilemma, auf das es bisher keine einfache und erst recht keine eindeutige Antwort gibt. Wir hoffen, ihr in den kommenden Monaten näherzukommen – gemeinsam mit euch.

Wovon ich zutiefst überzeugt bin: Wir sollten uns weniger mit den Funktionären und mehr mit den Wählern beschäftigen. Statt AfD-Politiker im Stil eines Fahndungsplakats auf Titelseiten zu heben, sollten wir versuchen wirklich zu verstehen, warum so viele Menschen für eine Partei stimmen, die offen rassistisch und demokratiefeindlich auftritt. Und zwar auch dann, wenn gerade keine wichtige Wahl bevorsteht. 

Menschen, die zum ersten Mal mit der AfD sympathisieren. Die von Migration sprechen könnten, wenn es um die Angst vor dem sozialen und wirtschaftlichen Abstieg geht. Die sich überfordert, übersehen und abgewertet fühlen könnten – vielleicht auch von uns.

Wie können wir Menschen, die wütend oder frustriert sind, wieder neugierig machen? Und es geht gar nicht nur um AfD-Wähler. Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland sagt, man könne dem Großteil der Nachrichten vertrauen. Immer mehr meiden sie ganz bewusst.

Wie erreichen wir sie wieder?

An der Stelle muss ich mich für die vielen Fragen entschuldigen. Ich habe sie durchgezählt. Es sind 15. Andererseits … bin ich nicht deshalb Journalistin geworden: um Fragen zu stellen?

Und sollten wir das nicht alle wieder häufiger tun? Fragen stellen? Und zwar nicht nur, um Dialog zu simulieren, sondern weil wir uns ernsthaft für die Antwort interessieren? Und auch bereit sind, unsere eigene Haltung zu hinterfragen?

Diesen Wunsch teile ich offenbar mit vielen Menschen. Vergangenes Jahr untersuchte das Wissenschaftsbarometer die Polarisierung der deutschen Gesellschaft. Die Forschenden kamen zu drei interessanten Ergebnissen.

1) Mehr als drei Viertel der Deutschen haben den Eindruck, dass die Meinungen in der Gesellschaft zunehmend auseinanderklaffen.

2) Oft klaffen die Meinungen in den zentralen Konfliktfragen gar nicht so weit auseinander.

3) Mehr als die Hälfte der Menschen ist offen, für Gespräche mit Menschen, die eine völlig andere Meinung haben.

Heißt: Unsere Gesellschaft ist gar nicht so gespalten, wie wir oft denken und fühlen. Und: Es gibt Gesprächsbereitschaft. Darin liegt eine Chance. Und die wollen wir nutzen. 

tbd soll mehr sein als ein klassisches Nachrichtenangebot. Wir möchten einen Raum für Debatten schaffen. Mit Tiefe statt Tempo. Mit Nuancierung statt Zuspitzung. Mit Offenheit statt vorgefertigten Antworten. 

Oder wie mein Lieblingscharakter meiner absoluten Lieblingsserie sagen würde: 

Be curious, not judgemental.

Ted Lasso

Für mich ist das der Kern von Journalismus: Es geht darum, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und so einander und die Welt besser zu verstehen. Gemeinsam mit euch. Wir sollten uns nicht an Klicks orientieren, sondern an neuen Blick winkeln und echten Erkenntnissen.

Deshalb starten wir nicht mit dem Aufbau einer Redaktion, sondern mit einem offenen Ohr. In den kommenden Monaten fragen wir Menschen in ganz Deutschland, was sie an Medien nervt und was sie sich wünschen. 

Unsere Geschichte beginnt letztlich wie eine gute Recherche. Mit viel Neugierde.

Und mit einer Frage: Was denkst du?
Ich freue mich auf den Austausch.