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Hej {{Vorname | liebe tbd-Community}},

vergangene Woche sind Simon und ich für unsere tbd-Deutschlandtour nach Witten, Mühldorf und Bad Boll gefahren. Unser Ziel: neue Perspektiven auf den Zustand des Journalismus und vielleicht auch des Landes gewinnen. Wir haben mit dutzenden Menschen gesprochen – manche kannten uns schon, viele nicht. Immer wieder kam ein Thema auf: wie Medien über Politik berichten.

Einige haben uns erzählt, dass sie einfach abgeschaltet haben. Sie haben genug von der Politik und der Negativität. Nachrichten erreichen sie nur noch aus der Ferne. Im Autoradio, beim Vorbeiscrollen, im Gespräch mit Freunden. Gleichzeitig hatten alle, die uns davon erzählt haben, das Gefühl: Ihnen fehlt nichts.

Ich glaube, dass wir als Journalisten dafür Verantwortung tragen – und zwar durch die Art und Weise, wie wir den politischen Diskurs in diesem Land mitprägen. Ich zeige es euch an einem aktuellen Beispiel: „Die große Ilse-Aigner-Show“.

Auf ihrem Parteitag in München beschloss die CSU am vergangenen Wochenende unter anderem, dass sie Hausärzte fördern, die Cyberabwehr stärken und ein digitales Familienportal samt App schaffen möchte. Dafür interessierten sich die meisten Politikjournalisten nicht. Ihr Fokus lag auf Ilse Aigner – oder besser gesagt: auf den Männern rund um Ilse Aigner.

Alles drehte sich um einen möglichen „Showdown“ um ihre Kandidatur als Bundespräsidentin. Und um den darüber schwelenden Konflikt zwischen Friedrich Merz und Markus Söder.

Wir erfuhren, dass der Kanzler zu Eye of the Tiger („in der Blaskapellenversion“) in den Saal einzog, Ilse Aigner mit zwei Wangenküsschen rechts und links begrüßte und in seiner Rede nach „genau drei Sekunden“ erwähnte. Wir lasen, dass der Applaus für Friedrich Merz fast genauso lang war wie der für Söder, und dass der CSU-Chef während der Rede des Bundeskanzlers auf sein Handy tippte.

Jede Mimik, jede Gestik, jede Sekunde wurde interpretiert, um am Ende einen „Gewinner“ zu küren. Markus Söder befand sich im „Aigner-Dilemma“. Merz tappte „nicht in die Aigner-Falle“. Die große Frage: Wem gelingt der Griff nach der Macht?

Zu oft besteht Journalismus aus „Männer machen Machtsachen“.

Journalisten machen das gern. Wir schreiben über Personal und parteiinterne Taktiererei statt über Inhalte und die großen politischen Fragen. Seifenoper statt Ideenwettbewerb. Gewinnen und Verlieren. Die große Emotion.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Das macht durchaus Spaß, geht schneller, verlangt weniger Fachwissen und klickt besser. Ein „Wangenküsschen“ lässt sich sofort in eine emotionale Schlagzeile gießen, die auf Social Media und in Eilmeldungen funktioniert.

Gleichzeitig frage ich mich: Wenn die Berichterstattung über das potenziell höchste Amt im Staat darauf reduziert wird, ob ein Bundeskanzler der bayerischen Landtagspräsidentin die Wange küsst, wie soll der Bürger Politik noch ernst nehmen und verfolgen?

Ilse Aigner selbst war kurz vor dem Parteitag auf den Münchner Medientagen und sagte: „Gute Medien zu machen, ist nicht leicht.“ Sie kritisierte „Hyperpersonalisierung, Infotrash, Teilöffentlichkeiten und Desinformation“. Das habe „eine zerstörerische Wirkung auf unser friedliches Zusammenleben.“

Aigner hat recht. Sie beschreibt die Folge einer kaputten Aufmerksamkeitslogik. Medien setzen auf Personalisierung und Emotionalisierung, um Klicks zu ergattern. Politiker kommunizieren immer schneller, kürzer und reißerischer, um es in die nächste Schlagzeile zu schaffen. Dabei gehen Grautöne und Nuancen verloren, manchmal sogar jegliche Form von Inhalt. Plattformen wie Instagram und TikTok haben diese Dynamik drastisch verstärkt. 

Wenn Markus Söder auf Instagram Sweet Caroline zum Besten gibt, geht er viral. Wenn er über den kommunalen Finanzausgleich schreibt, interessiert das kaum jemanden. Statt politischer Inhalte bekommen wir einen Ohrwurm.

Auf unserer Webseite haben wir gefragt, was euch an Medien stört und was ihr euch wünscht. Mehr als 18.000 Menschen haben ihre Gedanken mit uns geteilt. Drei Viertel kritisieren „künstliche Aufregung und Clickbait“, etwa die Hälfte eine „oberflächliche Berichterstattung“. Ebenfalls wünschen sich fast drei Viertel, dass „große Zusammenhänge“ erklärt werden.

Ich habe mir viele eurer Kommentare durchgelesen. Kim schreibt etwa: „Es stört mich sehr, dass die Nachrichten oft gar keine echten Nachrichten sind. Da heißt es zum Beispiel, der Politiker xy habe die Äußerungen von zx scharf kritisiert. Das sind doch keine Nachrichten. Das ist Füllmaterial.“

Ich mag den Begriff des Füllmaterials, weil er den Kern trifft. Oft geht es in Redaktionen um schnell produzierte Meldungen und vermeintliche Exklusivität. Wer ein pointiertes Zitat ergattert, hat die Chance, dass andere Medien es aufgreifen und zitieren. Je schmissiger und kontroverser, desto besser.

Nik schreibt: „Die Probleme werden heutzutage oft auf Einzelpersonen und deren vermeintliche (Un-)Fähigkeiten gestützt. Ich würde mir mehr inhaltliche Aufarbeitung dessen wünschen, wer eigentlich für welches Outcome zuständig ist und warum ein Zustand so gekommen oder geworden ist.“

Hier muss ich sofort an die Beliebtheitsrankings denken, die in regelmäßigen Abständen veröffentlicht werden. Merz unbeliebt. Merz jetzt noch unbeliebter. Merz so unbeliebt wie noch nie. Daraus folgt inhaltlich wenig bis nichts.

Lena schreibt: „Meiner Meinung nach gibt es viel zu viel Berichterstattung. Alles, was Politiker äußern oder auch nicht, wird kleinteilig besprochen, interpretiert und weitergesponnen. Ich habe das Gefühl, normales Regieren ist kaum noch möglich, da alles permanent zerpflückt und diskutiert werden muss.“

Auch diesen Punkt teile ich. Siehe „Die große Ilse-Aigner-Show“. Mein Eindruck: Im Dauerrauschen gehen Relevanz und der Blick auf das große Ganze unter. 

Ihr seht das ähnlich – und habt hohe Erwartungen an uns. Anja etwa schreibt uns: „Gute Medien erhalten und verbessern die Demokratie. Der News-Cycle muss neu definiert werden, damit er resilient gegenüber Ragebait und Co. wird.“ Und Frank schreibt: „Ihr könnt und müsst Deutschland und die Demokratie mit neuem Journalismus retten!“

An dieser Stelle muss ich die Hoffnungen dämpfen: Wir werden den Journalismus und die Demokratie mit tbd nicht retten können. Aber wir werden versuchen, der Empörungsspirale zu entkommen und den Wert von Nachrichten neu zu definieren. 

Wir wollen auf Tiefe statt Tempo setzen. Zeigen, dass Politik mehr ist als ein zynisches Machtspiel. Persönliche Geschichten erzählen, aber niemals die Inhalte aus dem Blick verlieren. Und uns dabei immer fragen: Ist das Küsschen jetzt eigentlich relevant?

Ich glaube, dass diese Frage nicht nur uns Journalisten betrifft, sondern eigentlich für uns alle wichtig ist: Wem oder was schenken wir unsere Aufmerksamkeit? Hören wir auf Medien und Politiker, die komplexe Themen in einfachen Botschaften verpacken, oder suchen wir nach Zusammenhängen? Darüber nachzudenken ist anstrengender als weiterzuscrollen. Aber die Antwort prägt uns, als Einzelne und als Gesellschaft.

In guter Gesellschaft beim tbd-Kneipenabend im Bad Boll.

Wir jedenfalls werden in den kommenden Wochen weiter unterwegs sein, und freuen uns, mit noch mehr von euch in den direkten Austausch zu kommen. Danke, dass ihr dabei seid!

Bis ganz bald!

Ann-Kathrin